entnommen aus der Chronik von Botnang, bearbeitet von Hauptlehrer Fr. Bartholomäi, von 1920

 

Seine Gründung fällt in den Winter 1859/60. Als Gründer werden genannt Schultheiß Vogel, Kaufmann Schwarz, Adolf Epple, Friedrich Anstett und andere, im ganzen etwa 12 bis 16 sangeslustige Botnanger, die sich unter der Leitung des ebenfalls aus Botnang gebürtigen Lehrers Friedrich Vogel zuerst im Gasthaus zum Hirsch, dann in demjenigen zur Sonne zu Gesangsübungen zusammengefunden haben. Der junge Verein scheint sich rasch entwickelt zu haben; denn schon am 24. August 1862 konnte er seine Vereinsfahne weihen, deren Spruch lautete: „Rein im Lied, treu in der Tat“, und die im Jahr 1878 das Wahrzeichen Botnangs, den Kuckuck, auf der Fahnenspitze angebracht erhielt.

 

Das Eintrittsgeld betrug zuerst 24 Kreuzer (70 Pfg.), wurde aber bald auf 36 Kreuzer (1,03 Mk.) erhöht. Der Monatsbeitrag betrug 24 Kreuzer (70 Pfg.). Der Dirigent wurde zu Anfang mit 24 Kreuzer (70 Pfg.) pro Singstunde abgelohnt. Eine Erhöhung auf 30 Kreuzer (86 Pfg.) lehnte der Dirigent Vogel dankend ab.

 

Aus jener ersten Zeit ist dem Protokollbuch nur soviel zu entnehmen, daß in jener fest- und vereinsarmen Zeit sich die wenigen Vereine von Stuttgart und Umgebung gegenseitig besuchten und den Jahrestag ihres eigenen Stiftungsfestes gebührend feierten.

 

1865 beliefen sich die Einnahmen des Vereins auf 183 fl. 52 kr. (314,48 Mk.), die Ausgaben auf 188 fl. 50 kr. (328,05 Mk.); der Abmangel betrug also 4 fl. 58 kr. (13,61 Mk.). Im Jahre 1863 beteiligte sich der Liederkranz in patriotischer Weise an der 50jährigen Gedenkfeier der Völkerschlacht bei Leipzig (1813).

 

Von politischen Strömungen scheint der Liederkranz wiederholt erschüttert worden zu sein; denn als im Jahre 1868 die Wahl zum Zollparlament stattfand, finden wir den Botnanger Liederkranz auf Seiten der großdeutschen (nationalen) Partei, was zu schweren Kämpfen innerhalb des Vereins führt, den Austritt verschiedener Vereinsmitglieder im Gefolge hatte und zur Gründung eines weiteren Gesangvereins in Botnang den Anlass gab. Nach Jahr und Tag vereinigten sich die feindlichen Brüder endlich wieder.

 

Ähnliche Vorgänge wiederholten sich in den Jahren 1879, 1880, 1903 und 1906. Diese politischen Kämpfe innerhalb des Vereins erschütterten den „Liederkranz“ ganz gewaltig, brachten ihm mancherlei zum Teil schwere Wunden bei, wurden aber schließlich doch alle siegreich überstanden. Diese durch Vereinswahlen und Statutenreiterei einerseits und durch parteipolitische Betätigung bei Gemeinde, Land- und Reichtagswahlen anderseits hervorgerufenen Kämpfe wirkten nicht einigend und fördernd sondern trennend und lähmend, weshalb sich Vorstand- und Ausschussmitglieder sobald als möglich ihres mühevollen und undankbaren Amtes zu entledigen suchten. Das führte zu gefährlichen Krisen, die schließlich den Untergang des Vereins im Gefolge gehabt hätten. Deshalb wurde 1907 eine Bestimmung in die Vereinsstatuten aufgenommen, nach welcher im Verein keinerlei Politik getrieben werden darf; denn „Der Töne Macht“ sei es, welche die Sangesbrüder zusammen halte. Fortan müsse im Verein der Spruch Geltung haben:

 

„Es sei ein Geist, in dem wir alle wirken,

und eine Liebe mach’ uns alle stark.“

 

Schwere Zeiten hatte der Liederkranz 1866 und 1870-71 durchzukosten. In jenen Kriegsjahren wurde nicht nur nicht mehr gesungen, sondern der Verein drohte sich sogar aufzulösen, denn in dem deutsch-französischen Krieg 1870-71 fiel der Vereinsdirigent, Lehrer Gustav Dußler. Singstunden konnten nicht gegeben werden und der Verein wäre sicher in die Brüche gegangen, wenn nicht eine kleine Schar wackerer Sänger dennoch mutig ausgehalten und die durch Misstrauen, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Teuerung verursachten Widerstände siegreich überwunden hätte.

 

Auch aus dem Jahre 1879 berichtet das Protokoll: „Die schlechte Zeit, kein Verdienst, kein Herbst, kalter Winter, schlechtes Bier, teurer und saurer Wein wirkten schwer auf die Gemüter ein.“

 

Frühe schon (29. April 1861) trat der hiesige Liederkranz dem „Schwäbischen Sängerbunde“ bei und besuchte fleißig dessen Sängerfeste, z. B. diejenigen in Eßlingen 1868, Reutlingen 1874, Heilbronn 1886, Ludwigsburg 1898, Hall 1901, Gmünd 1907, Tübingen 1914.

 

Im Jahre 1876 zeichnete der Liederkranz eine Aktie zur Sängerhalle. Dann trat er auch dem Strohgäu-Sängerbund als Mitglied bei und holte sich bei dessen Sängerfesten verschiedene Preise.

 

Zunächst beteiligte sich der Liederkranz mit steigendem Erfolge an den Wettgesängen des Strohgäusängerbundes. Veranlasst durch die guten Resultate, die er hierbei erzielte, wagte er sich auch an „höhere“ Aufgaben und beteiligte sich an den Wettgesängen des Schwäbischen Sängerbundes.

 

Bei den Strohgäusängerfesten holte sich der Liederkranz unter seinem Dirigenten 

Lehrer Grieb nachstehende Preise:

1879 in Leonberg einen 4. Preis, 1880 in Mönsheim einen 1. Preis, 1882 in Feuerbach einen 1. Preis, 1884 in Vaihingen a. E. einen 1. Preis. Auf diesen Preis verzichtete der Liederkranz, weil er schon zwei 1 Preise besaß.

 

Auch an den Wettgesängen des Schwäbischen Sängerbundes beteiligte sich der Liederkranz erfolgreich und holte unter seinem Dirigenten Lehrer Ischinger in der Pforzheimer Vorstadt Dill-Weißenstein 1900 einen 3. Preis mit Ehrendiplom.

 

Am 15. Nov. 1901 übernahm Hof- und Kammermusikus Alfred Beschel von damaligen Kgl. Hoftheater und jetzigen Landestheater, ein Weimarer Landeskind, die Leitung des Liederkranzes. Unter seiner Leitung holte der Verein 1904 beim Schwäbischen Sängerbundsfest in Ravensburg einen 2. Preis, machte hernach von hier aus einen allen Teilnehmern (72 an der Zahl) unvergesslichen Ausflug über den Bodensee nach Vorarlberg, wo er das Rappenloch bei Dornbirn und weiter nach Ragaz und Pfeffers am Rhein besuchte.

 

1907 holte der Liederkranz auf dem Schwäbischen Sängerbundesfest im Gmünd den ersten Preis an goldener Schleife und 1914 in Tübingen einen 1. Preis im Kunstgesang.

 

In Hall und Heilbronn fiel der Verein mit seinen Liedern durch. Dass das Durchfallen dem Dirigenten mitunter recht verhängnisvoll werden kann, davon könnte der Liederkranz Botnang auch ein Beispiel liefern. Immerhin muss gesagt werden, dass das Preissingen für jeden Verein kostspielig, anstrengend, aufregend und im Erfolg überaus unsicher ist.

 

Bei den Fahnenweihen und sonstigen Festlichkeiten anderer Botnanger Vereine übernahm der Liederkranz in selbstloser Weise das Fahnen- bzw. das Begrüßungslied; auch ließ er sich in Gemeinschaft mit der hiesigen Ortsbibliothek die Pflege des Heimatsinns und der Heimat- und Volkskunst recht angelegen sein.

 

Was er aber erst während des Weltkrieges für die Unterstützung der Familien der Ausmarschierten unter seinem allbewährten und allverehrten Leiter Hof- und Kammermusikus Alfred Beschel gemeinsam mit dem Singchor des Turnerbundes und dem Kirchenchors geleistet hat, das haben wir weiter oben bei der Beschreibung des Kirchenchors gebührend ausgeführt und verweisen an dieser Stelle nur auf jene Ausführungen.

 

Finanziell steht der Verein seit Jahren ganz ausgezeichnet. Die Jahreseinnahme übersteigt um ein Mehrfaches die Beiträge früherer Jahre, so dass Dirigent und Vereinsdiener besser entschädigt werden können, als früher.

 

Eine besondere Glanzperiode des Vereins bildet die Aera Beschel-Kuhnle. Unter diesen beiden Männern hat der Liederkranz Botnang ganz unbestritten Großes geleistet. Viel zu früh ist der bis jetzt hervorragendste Dirigent, den ich wohl mit größtem Recht als den eigentlichen Schöpfer und geistigen Vater des heutigen Liederkranzes bezeichnen darf, Alfred Beschel, erst 45jährig, am 18. November 1916 infolge eines Blutsturzes von uns genommen worden. Kam doch gerade mit Herrn Beschel in musikalischer Hinsicht wirklich ein „ganzer Zug“ in den Verein hinein, unter dessen Hände der Dirigentenstab zu einem Zauberstab, ja zu einer Wünschelrute wurde, mit welcher „Profanen Augen verborgene Schätze fließend gemacht werden, so dass reicher, immer reicher der Ton dem Hörer zum Ohre schwillt.“

 

Die Verdienste dieses ausgezeichneten und vielseitigen Dirigenten werden dem Leser am deutlichsten erkenntlich aus dem Gedichte, welches Pfarrer Sauberschwarz zum Gedächtnis des zu früh dahingeschiedenen Dirigenten des Liederkranzes verfasste, und aus dem Nachruf des Vorstandes Gustav Kuhnle bei der Feuerbestattung auf dem Pragfriedhofe am 20. November 1916.

  

Wie der Soldat im Feld von tödlicher Kugel getroffen,

Also schiedest auch du plötzlich im Kriege von uns.

Trauernd stehen wir am Sarge des Sängers und Meisters der Töne,

Der so treu seine Kunst allen hat dienstbar gemacht.

 

Heilig war dir die Kunst, drum weihest du oft sie dem Höchsten,

Führest so deine Schar aufwärts in ewige Höhn.

Nun ist dein Mund verstummt, doch nimmer werde vergessen,

Wie du immer so gern Liebe und Lieder vereint.

 

Leben wird dein Gedächtnis auch immer in unserer Gemeinde,

Wo du so fort deine Kunst edelsten Zwecken geweiht.

Edel sei ja der Mensch hilfreich und gut, und es werden

Himmelstüren sich ihm öffnen zum ewigen Licht.

 

Gesprochen bei der Feuerbestattung
von Herrn Pfarrer Alfred Sauberschwarz

 

 

Nachruf des Vorstandes Gustav Kuhnle bei der Feuerbestattung am 20. November 1916

 

Tieftrauernd, schmerzlich beweg stehen wir Mitglieder einer Sängergemeinde an der Bahre unseres über alles geliebten, hochverehrten Dirigenten, um ihm noch einige 

Worte der Dankbarkeit nachzurufen, ehe seine irdische Hülle in Asche zerfällt.

 

Fünfzehn Jahre stand der Entschlafene an der Spitze des Botnanger Liederkranzes. Fünfzehn Jahre hat er sein ganzes reiches musikalisches Können in die Dienste unseres Vereins gestellt. Mit rastlosem Eifer war er während dieser Zeit bestrebt, unsern Verein von der niedersten Stufe bis zu der nun stehenden, Achtung gebührenden Stellung zu bringen, so dass ihm, dank seines unermüdlichen Fleißes, beim letzten schwäbischen Liederfestes die Freude zuteil wurde, unseren Verein mit dem 1. Preis im Kunstgesang ausgezeichnet zu sehen. Nichts war ihm zu viel, kein Opfer, keine Mühe scheute er, wenn es galt, für unsern Verein, für den deutschen Männergesang. Das deutsche Lied, die Verherrlichung und Veredlung desselben war sein höchstes Ideal. Der Dirigentenstab ward ihm zum Zauberstab. – Wie blickten wir Sänger alle so vertrauensvoll zu ihm auf, wie zu einem Vater, ja, er hat im wahrsten Sinne des Wortes „ein echter deutscher Liedervater“. Und nun ist dieser liederreiche Mund verstummt, der Mund, der uns so manches Mal zu Sängertaten anfeuerte. Ein edles, für alles Schöne glühendes Herz hat aufgehört zu schlagen. Nicht in Worten können wir unserer Dankbarkeit Ausdruck verleihen, nein, Taten müssen es beweisen, wie lieb, wie wert uns der Entschlafene war. Darum, das Gelöbnis an Deiner Bahre, teurer Freund: In Deinem Sinne und in Deinem Geiste wollen wir, wenn einst wieder Friedenszeiten eingekehrt sind, weiterbauen auf dem Fundament, das Du gelegt hast, auf dass  D e i n  Werk nie unter-geht: Dank, Dank, innigen Dank für alles das, was Du uns gegeben. Dank und Gruß namens Deiner Getreuen, die draußen im Kampfe für unser Vaterland stehen, denen es nicht vergönnt ist, Dir die letzte Ehre zu erweisen.

 

So schlaf denn wohl, Du schlummernder Sänger, wir werden Deiner nie vergessen. Mit goldenen Lettern wird Dein Name in der Geschichte unseres Vereins eingetragen sein und so lange ein Liederkranz Botnang besteht, wird auch der Name  B e s c h e l  genannt werden; nehme noch als Letztes von Deinen Freunden den wohlverdienten Lorbeer.

Schlaf wohl, schlaf ewig wohl!

 

 

Viel zu leiden hatte der Liederkranz Botnang unter den Wehen des Weltkrieges. Nicht nur, dass von Tag zu Tag immer mehr Mitglieder zu den Kriegsdiensten eingezogen wurden, so dass der Verein kaum noch imstande war, vierstimmige Chöre allein zu singen und sich deshalb mit den Sängern des gleichfalls sehr geschwächten Singchors des Turnerbundes und denjenigen des Kirchenchors behelfs Wiedergabe geeigneter Chorwerke zu einem einzigen Chor zusammenschließen musste, sondern er verlor auch neben seinem unvergesslichen Leiter sehr viele seiner Mitglieder. Ihre Namen finden ich in dem gleichzeitig mit dieser Chronik erscheinender „Gefallenen-Album“.

 

Nach dem Tode Beschels nahm sich Hauptlehrer Hee des dirigentenloses Liederkranzes an und gab ihm, gemeinschaftlich mit der kleinen zahl der zurückgebliebenen Sänger des Singchors des Turnerbundes, die gewünschte Zahl von Singstunden.

 

Noch während des Krieges wurde Herr Rauschert zum Dirigenten auserkoren. Nach Beendigung des Kriegs übernahm der neue Dirigent die Leitung des Liederkranzes. Bereits hat er in verschiedenen Gesangsaufführungen gezeigt, dass sich die Leitung des Vereins bei ihm in guten Händen befindet. Möge es daher dem Liederkranz in absehbarer Zeit vergönnt sein, unter seiner neuen Leitung alle sangeslustigen und sangeskundigen Botnanger Bürger wieder zu friedlichem Wettbewerb zu vereinigen und damit das Wort unseres heimischen Dichters Uhland wahr zu machen:

  

„Sie singen von Lenz und Liebe, von sel’ger goldener Zeit,

Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit;

Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,

Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.“